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Herr Hansa, der vitale Konzernchef, geht ein paar schnelle Schritte nach rechts, dann bricht er plötzlich zusammen. Eben noch hatte er höhnisch über den jungen
Rivalen gelacht. Nun murmelt er hochroten Kopfes etwas von Herzrasen. Die 30 angehenden Drehbuchautoren im Zuschauerraum starren betroffen auf die Bühne: Der Schauspieler des Herrn Hansa
scheint inmitten von vier Kollegen wirklich von einer anonymen Macht zu Boden gezerrt zu werden. Ist hier tatsächlich das "Wissen des Feldes" im Spiel, von dem die Leiterin des
"Lifescript"-Seminars Angelika Niermann eben sprach? Die ausgebildete Hypno- und Systemische Familientherapeutin praktiziert gerade "Systemische Familienaufstellung"
für Drehbuchautoren.
Die intensive Suche nach Wegen zum guten Drehbuch ist bei den Therapieformen angelangt. Dies zeigt das Programm des viertägigen Script-Forums, der
jährlichen Fachmesse für Drehbuch und Stoffentwicklung, ausgerichtet von der Berliner Master School Drehbuch. Hypnosetechniken, selbstinduzierte Trance-Zustände, das
berühmt-berüchtigte "NLP" (Neuro-Linguistic Programming), tiefenpsychologische Film-Analysen und eben Systemische Familienaufstellung tauchen in den
Veranstaltungs-Ankündigungen auf. Kein Wunder, Therapieformen haben sich über das "Coaching" in der Wirtschaft schon seit längerem aus dem stigmatisierten Krankheitsbereich
in gesellschaftlich salonfähige Regionen hinüberbewegt. Im Business wie in der Kunst - und das Drehbuch ist ein prototypischer Schnittpunkt beider - geht es zunehmend um das optimierte
Anzapfen bislang ungenutzter Ressourcen.
Werden nun also auch die Träume und das Unbewusste kapitalisiert? So negativ sehen es allenfalls Kulturpessimisten. Dem von
Schreibblockaden geplagten Kreativen ist jede Anregung ein potenziell rettender Strohhalm. "Allnächtlich produziert Ihr Unbewusstes drei, vier glänzende Filmplots - im Traum",
beginnt Jurgen Wolff sein Seminar über "Hypnotic Scriptwriting - Schreiben für die rechte Gehirnhälfte". Wolff, erfolgreicher amerikanischer Drehbuchautor deutscher
Abstammung mit Wohnsitz in London, bietet seinem Auditorium ein Arsenal von Techniken an, mit deren Hilfe man sich des kreativen Unbewussten bedienen kann. Von der Hypnose-nahen
Tiefenentspannung über Elemente des "NLP", in dem hemmende Instanzen wie der berüchtigte "innere Kritiker" umgepolt werden, bis hin zu gelenkten Tagtraumreisen und
Rollenspielen reicht seine Palette. Ziel ist, für die Stoffentwicklung oder die Lösung von Schreibproblemen dem Gehirn andere Informationen zu verschaffen, als sie das Bewusstsein
bietet: visuelle, emotionelle, tiefen-erinnerte oder kollektive Inhalte.
Wahlverwandtschaften
Wolff beginnt viele Übungen mit einer körperlichen Entspannungsphase, auf die
dann etwa die Aufforderung folgt, sich eine Auseinandersetzung zweier Drehbuchfiguren vorzustellen - oder sie gleich selbst im imaginierten Rollenspiel auszuagieren. Das Denken in Bildern
- oder im spielerischen Ausagieren - provoziert oft eine Flut stimmiger Details, die ohne Zwang und Kontrolle des Denkens entstanden sind. "Die meisten Strukturprobleme sind
eigentlich Probleme der Figuren", so Wolff, der sein Publikum immer wieder anregt, sich beim Schreiben tiefer in die individuelle Welt der Figuren hineinzudenken - mit all jenen
Details aus der Familiengeschichte, die im Film nie auftauchen, aber dennoch die Charaktere bestimmen.
Wolff, der sein Geschäft in Hollywood als Drehbuchlektor begann, kommt zur
gleichen Diagnose wie Autor und Schauspieler Michael Seyfried, der zusammen mit Niermann das "Life Script"-Seminar leitet: Nicht mehr an Strukturmängeln kranken heutige
Drehbücher. Seitdem jeder angehende Autor die Drehbuchratgeber nach dem Muster Syd Fields und Linda Segers kennt, scheint die Drei-Akt-Struktur eiserne Regel. Jeder Plot-Point und jeder
strukturelle Höhepunkt sitzen wie festgenagelt auf der vorgeschriebenen Seite des Scripts. Jeder Protagonist hat einen Antagonisten, und auch das Layout der Vorlage ist makellos.
Stattdessen fehlt es nun häufig an Passion, an Herz.
Alter, Beruf und zwei Adjektive
Auch in der systemischen "Life-Script"-Arbeit von Niermann und Seyfried
stehen die Figuren im Mittelpunkt. Autor Jörg ist mit einem Drehbuch und Fragen gekommen und stellt seine fünf Hauptfiguren nach Anweisung der Familientherapeutin Niermann auf die
Bühne: Er soll die Schauspieler räumlich so ausrichten, wie sie seiner Ansicht nach zueinander stehen. Jeder Schauspieler weiß von seiner Figur nur Alter, Beruf und ein, zwei
Adjektive. Sekretärin Maria etwa kämpft für ihren Chef, Herrn Hansa, "wie eine Löwin", die junge Nachlassverwalterin Frederike ist "ehrgeizig und kurz vor einer
Karriere". Als alle auf ihren Plätzen stehen, äußern die Schauspieler zunächst reihum ihre Empfindungen. Schon hier Verblüffendes: Frederike, zwischen zwei jungen Männern
stehend, empfindet Martin als "Pflicht", Markus hingegen als "Lust". Herr Hansa "freut sich" auf die Rivalität mit dem "jungen Cleverle" Markus.
Autor Jörg schreibt fiebrig mit, stehen all diese Details doch in geheimnisvoller Verbindung zum unbekannten Drehbuch. Drei Mal werden sich die Figuren wie in Spielzügen auf
einem Schachbrett bewegen, danach haben sich Konstellationen und Verhältnisse völlig gewandelt: nach einer eigenen Logik, die, so Niermann, ausschließlich aus der ersten Aufstellung
stammt. Am Ende erzählt Autor Jörg den ursprünglichen Plot. Nach der folgenden gemeinsamen Analyse, die von lebhaften Fragen der Seminarteilnehmer vorangetrieben wird, überlegt der
Autor verblüfft, ob der Film nicht eigentlich eine ganz andere Hauptfigur und einen anderen Antagonisten hat. All dies geschieht in kaum einer Stunde aus der "Weisheit des
Feldes" heraus, die, so Angelika Niermann, für reale wie für fiktive Figuren gilt.
Zwar hat der Autor auf Grund der vielen Improvisationen "seiner" Figuren nun
glänzende Augen. Doch im Auditorium entstehen eine Fülle skeptischer Fragen. Hätten andere Schauspieler nicht andere Prozesse erbracht? Welche Unterschiede hat diese Arbeit zur
therapeutischen Familienaufstellung, die am Ende auf ein "heilendes Bild" hin ausgerichtet ist? Besonders begeistert wirken die fünf jungen Schauspieler, die von ihren eigenen
Entwicklungen auf der Bühne genau so überrascht worden sind wie die Zuschauer.
Was Triebe wissen
Generell scheint das neue Paradigma in der Drehbucharbeit darin zu liegen,
jenes Wissen in sich anzuzapfen, das sich einer über-individuellen Quelle in uns bedient: jenseits des rationalen Bewusstseins. Hier sind Gefühle, Triebe und frappierende Schnelligkeit
im Spiel. Bei allem Verdacht der Rationalisierung und Ausbeutung dieser letzten menschlichen noch unverfügten Bastionen birgt der Einzug dieser Elemente in die Arbeitswelt immerhin eine
gute Nachricht: Er bringt enormes Vergnügen.
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